ÖlfarbePatrick Rohner
03. September 2004

 Die Verwendung der Bildtafel folgt nicht einer formalen Entscheidung. Im Prozess meiner Arbeit ist sie der sachliche Ort meiner künstlerischen Praxis; die Bildtafel ist der Labortisch meiner Untersuchungen und damit auch mein eigentlicher Werkplatz. Die Tafel ist der Träger der Farbmasse, die ich darauf abzulagern vermag.

In Leinöl eingearbeitetes Pigment wird von mir in einem manuellen Prozess zu einer plastischen Materie verdichtet. Jedes Pigment, und damit auch jede Farbmasse, weist spezifische Eigenschaften aus, die durch die inhärenten Gesetze der Physik und unter der Einwirkung der Schwerkraft entstehen. Ob die zu verarbeitende Farbquantität mit ihrer spezifischen Farbigkeit eine semiotische Bedeutungsebene anklingen lässt oder ob sie gar psychische Zustände zu transportieren vermag, scheint mir nicht von Bedeutung, da ich vielmehr an den inneren Strukturgesetzen, also an der Konsistenz der Materie und an den plastischen Gestaltungsmöglichkeiten interessiert bin. In meinen Arbeitsprozess fliessen zudem chaotische Vorgänge und damit auch unvorhersehbare Resultate ein. Aus den Erkenntnissen  meiner Arbeit entstehen oftmals gänzlich neue oder zumindest differenziertere Handlungsweisen am Bildträger.

Meine Arbeit besteht aus einer Folge von technischen Prozessen auf der Bildtafel, womit Vorgänge auf der Bildoberfläche ausgelöst werden. Die Art des Arbeitsprozesses, spezifische Angaben zur Qualität der Farbmasse sowie Datierungsvermerke halte ich auf Aktenkarten fest. Dieses Karteisystem dient zur objektiven Dokumentation und Analyse meiner künstlerischen Praxis. Der Entstehungsprozess des Bildes bleibt dank diesen „Berichten in Kurzform“ auf dem ganzen Weg nachvollziehbar.

Ich bearbeite die ganze Bildfläche. Aufgetragen wird die Farbmasse mit einem breiten Gummispachtel. Grossflächige Bereiche von angetrocknetem Farbmaterial schneide ich mit  Metallspachtel ab, um diese dann auf einen anderen Bildträger zu transportieren. Jeder neue Farbauftrag wird von den darunterliegenden Farbschichten beeinflusst. Das Abrutschen einzelner Bildbestandteile auf einer darunterliegenden Gleitschicht erfolgt meistens kaum merklich, manchmal jedoch auch bedrohlich intensiv. Im Extremfall fällt ein Teil der Farbmasse im Anschluss an eine Rutschung ganz weg. Dünnflüssige Farbmaterie kann über die Struktur der Bildoberfläche hinweg rinnen und fliessen. Die Pressung zweier Bilder unter Druck und Entlastung überträgt Spannungen und Kräfte zwischen den beiden aufeinanderliegenden Oberflächen. Differenzierte Reibungsbewegungen reissen angetrocknete Farbschichten auf, oder zerstören diese. Einschnitte in angetrocknete Farbstrukturen fördern Darunterliegendes an die Oberfläche. In Rinnsalen bahnt sich die noch flüssige Farbe dem Gesetz der Schwerkraft folgend nach unten, bis schlussendlich in der Horizontalen alles ineinander fliessen kann.

Mit den Arbeitsprozessen erfahren sämtliche Farbschichten und Oberflächen Druck- und Spannungsbelastungen bis an die physikalischen Grenzen hin; womit selbsttätige Vorgänge ausgelöst werden. Das Bild organisiert sich selbst. In die Vorgänge, die sich oftmals über lange Zeit hinweg erstrecken, greife ich nicht ein, weil ich weiss, dass das „Bild“ als endgültiges Resultat nicht geplant werden kann. Die Arbeit am Bild wird solange fortgeführt bis eine maximale Verdichtung erreicht ist.

Die Abfolge von Arbeitsprozessen und die auf dem Bild entstehenden selbsttätigen Vorgänge führen zu organischen, naturähnlichen, bisweilen komplex-chaotischen aber dennoch abstrakten Ergebnissen. Hier setzt die „Beobachtung“ ein. Ich entscheide mich beim Beobachten für oder gegen die momentane Realität des Bildes. Der Bildzustand kann von mir akzeptiert oder abgelehnt werden. Wenn ich am Bild weiterarbeite, entscheide ich, welcher Arbeitsprozess eingeleitet wird und wann dieser stattfinden wird.