Rauchertagebuch

 Invar Torre Hollaus

"Beiläufiges", zu Patrick Rohners Skizzenbüchern                                                                       Mai 2014

Im September 2010 hat Patrick Rohner damit begonnen, nahezu täglich eine Zeichnung in ein Skiz­zenbuch einzutragen. Was zunächst offensichtlich als reiner Selbstzweck gedacht gewesen ist, um sich das Rauchen zu entwöhnen, hat rasch eine Eigendynamik entwickelt, die subtil mit dem übrigen, reichhaltigen künstlerischen Schaffen korrespon­diert. Das Rauchen hat sich Patrick Rohner längst abgewöhnt, geblieben ist indes das Bedürfnis, am regelmäs­sigen Zeichnen scheinbar beiläufiger Motive seine Wahrnehmung kritisch zu befragen. Denn unterdessen hat der Künstler bereits das zweiund­zwanzigste solche Skizzenbuch in Bearbeitung. Und es zeigt sich, dass diese Skizzenbücher den bisherigen Schaffenskosmos des Künstlers substantiell ergänzen.

Diese Skizzen – vom Künstler humorvoll als „Raucherzeichnungen“ bezeichnet – bieten aus künstleri­scher, ästhetischer und selbst aus biografischer Sicht nichts Spektaku­läres. Einem gezeichneten Tagebuch gleich folgt zwar eine Zeichnung der anderen, jedoch unaufgeregt, ohne stringenten Zusammenhang, ohne jeglichen selbstdarstellerischen oder narrativen Gehalt und ohne Wertung; Übungen in Perspektive, Massstab und Bildstruktur könnte man meinen. Dem Betrachter dieser Skizzenbücher eröffnet sich ein facettenreiches Pa­norama an Alltäglichem, Beiläufigem und oftmals Übersehenem. Patrick Rohner fängt in diesen Zeichnungen seine unmittelbare Umgebung ein: Am häufigsten zeigt sich das eigene Zuhause, sein Atelier, der Blick aus einem Fenster, spontane Beobach­tungen von unterwegs. Verglichen mit dem Inhalt seiner Bilder werden eigentliche Nebenschauplätze seiner sonstigen künstlerischen Aktivität dargelegt. Und doch ergeben sich bei genauerem Hinschauen im Grunde logische und nachvollziehbare Korrespondenzen mit dem übrigen Schaffen.

Obschon die Motivwahl eine – gegebenermassen – subjektive ist, ist der Blick auf diese weitge­hend objektiviert und neutral. Eine emotionale Sicht der Dinge steht hier nicht im Vordergrund, vielmehr ein analytisches, wissenschaftliches Be­trachten. Unablässig schärft Patrick Rohner seinen Blick, indem er sich und seine Wahrnehmung an der Aus­senwelt reibt. Dieses kontinuierliche Befragen, Verstehen und Erkennen von Welt fliesst beständig und gewinnbringend in seine anderen Tätigkeitsfelder – Malerei, Zeichnung, Aquarell, Fotografie und Film – ein, die auf diese Weise wechselseitig voneinander profitieren. So sind diese Skizzenbücher weit mehr als nur eine Spielerei des Künstlers.

Auf diese Weise werden diese Zeichnungen nicht nur zu einer wertvollen Ergänzung des übrigen Werks, sondern vor allem demjenigen Betrachter eine nützliche Verständ­nis- und Sehhilfe, der mit dem Schaffen des Künstlers noch nicht vertraut ist oder Mühe darin bekun­det, einen „Einstieg“ in die Bilder zu finden. Denn sie zeigen, dass es sich durchaus lohnt, den eigenen Fokus nicht nur auf visuell Spektakuläres zu richten. Das Verständnis der Zu­sammenhänge der Struktur unserer Welt beginnt bei den beiläufigen Dingen und Prozessen, die sich im Unscheinbaren vollziehen, bis man sich mit der daraus resultierenden Konsequenz konfrontiert sieht.

Rauchertagebuch

Edition (25+5 copy) of the sketch diary Nr. 17, 2013
63 drawings, texts from Dr. I. T. Hollaus, S. Wintsch and P. Hubacher
Available at Gallery Mark Müller, Hafnerstrasse 44, 8005 Zürich, www.markmueller.ch
360.- CHF